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Turm und Läufer gegen Turm: Perfekte Harmonie

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Vor gut 20 Jahren spielte ich einmal bei einem Schnellturnier in Leonberg gegen IM Jürgen Teufel. Soweit ich mich erinnern kann, geriet ich frühzeitig in eine schwierige Stellung, doch als es mir gelang, unter Materialopfer ein Endspiel Turm + Läufer gegen Turm ohne Bauern auf beiden Seiten zu erreichen, hatte ich den halben Punkt bereits als gesichert abgehakt. Doch zu meiner nicht geringen Verwunderung spielte mein Gegner unbeirrt weiter und als mein König immer näher an den Brettrand gedrängt wurde dämmerte mir allmählich, dass hier nicht nur der Teufel auf der anderen Seite des Brettes saß, sondern auch noch im Detail steckte. Natürlich verlor ich das Endspiel sang- und klanglos, doch immerhin bin ich in guter Gesellschaft: Selbst gestandene Großmeister haben es schon nicht geschafft, diese Verteidigungsübung zu meistern.

Wie man am Einfachsten Remis hält, bespreche ich an anderer Stelle in Kürze wieder hier im Schachblog, heute wollen wir uns einmal anschauen, wie eine typische Gewinnstellung aussieht und wie die stärkere Partei den Gewinn letztlich realisiert.

 

Die Bährsche Regel

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Hier gibt es die Analyse zum Nachspielen am Bildschirm und als PGN für den Download

So ziemlich jeder hat das im Blitzen schon mal auf dem Brett gehabt: Ein Bauernendspiel mit einem freien Mehrbauern irgendwo auf dem Brett und am Rand zwei sich gegenseitig blockierende Bauern. Normalerweise ist nun zählen angesagt: Schafft man es noch rechtzeitig, den gegnerischen König von der rettenden Ecke fern zu halten oder nicht?

Diese Rechnerei kann man sich jedoch ganz einfach sparen, wenn man die so genannte "Bährsche Regel" kennt. Sie besagt Folgendes:

In einem Endspiel mit sich blockierenden Randbauern und einem Freibauern gewinnt die stärkere Seite (bei ansonsten "normaler", nicht direkt Gewinn versprechender Königsstellung in unmittelbarer Nähe des Freibauern) immer wenn

  • ihr Randbauer die 4. Reihe überschritten hat oder
  • ihr Freibauer eine gedachte Linie noch nicht überschritten hat, die - ausgehend vom Randbauern der schwächeren Partei - zwei Felder diagonal nach hinten (also bis zur c- oder f-Linie) und dann diagonal nach vorne bis zum Brettrand gezogen wird.

Schach - Bauernendspiele: Die Bährsche RegelDas hört sich zunächst einmal völlig unverständlich an, wird aber schnell klar, wenn man sich einmal ein praktisches Beispiel dazu ansieht.
Im Diagramm links ist die "Gewinnlinie" entlang der Diagonalen a5-c7 und c7-h2. Da der weiße Bauer gerade noch auf dieser Linie steht, müsste die Stellung für Weiß gewonnen sein. Und tatsächlich:

1.Ke3 1.g4+?? remisiert nur: Kg5 2.Kg3 Kg6 3.Kf4 Kf6 4.Ke4 Kg5 5.Kd5 Kxg4 6.Kc5 Kf5 7.Kb5 Ke6 8.Kxa5 Kd7 9.Kb6 Kc8 und Schwarz kommt gerade noch rechtzeitig Kg4 2.Kd4 Kxg3 3.Kc4 Kf4 4.Kb5 Ke5 5.Kxa5 Kd6 6.Kb6 und Weiß gewinnt

Eine äußerst praktische Regel, mit der man sich eine Menge Abzählarbeit erspart. Mit ihrer Hilfe lässt sich beispielsweise in der folgenden Stellung der (einzige) weiße Gewinnzug sehr leicht finden:

Schachendspiele-Bauernendspiele: Die Bährsche RegelGemäß der Bährschen Regel steht der weiße g-Bauer zu weit vorne für einen Sieg, jedoch...

1.a5! beruft sich erfolgreich auf den ersten Teil der Regel, demzufolge ein Randbauer auf der 5. Reihe immer gewinnt. Wäre dagegen Schwarz am Zug, würde er mit 1...a5! (und nur damit) das Remis halten. Nach 1...Kf6 2.Kg3 Kg5 3.Kf3 Kg6 4.Ke4 Kg5 5.Kd5 Kxg4 6.Kc6 Kf5 7.Kb6 Ke6 8.Kxa6 Kd7 9.Kb7 kommt Weiß gerade noch rechtzeitig nach b7.

Schach Endspiele trainieren: Die Bärsche RegelStehen die Randbauern weiter unten (aus Sicht der stärkeren Partei), verschiebt sich die Bährsche Gewinnlinie entsprechend ebenfalls. Im Diagramm links würden ein weißer g- oder h-Bauer schon nicht mehr gewinnen, während ein Bauer auf e3 gerade noch den Sieg verspricht:

1.Ke2 Ke4 2.Kd2 Ke5 3.Kc3 Ke4 4.Kb3 Kxe3 5.Kxa3 Kd4 5.Kb4 mit leichtem Gewinn

 

Transvestiten-Indisch

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Eine auf den ersten Blick noch relativ normal anmutende Eröffnung entsteht nach den Zügen:

Schacheröffnungen online: Transvestiten-Indisch (1)1. d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 b6?! (Diagramm)

Nimmt man einmal an, dass Nimzo(witsch)-Indisch sozusagen "männlich" und Damenindisch "weiblich" ist, dann müsste das hier wohl korrekterweise Transvestiten-Indisch heißen, was der Eröffnung auf jeden Fall eine gute B-Note für Kreativität sichern sollte.

Leider ist ihre A-Note dafür um einiges niedriger, denn im Gegensatz zu ihren "Kollegen" lässt Schwarz für einen Moment das Feld e4 aus den Augen, was Weiß natürlich sofort ausnützt.

4. e4 Lb4

Das Problem für Schwarz ist, dass der Zug Sf6 einfach nicht in seinen Aufbau hineinpasst. In der Owen-Verteidigung nach 1.d4 b6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e4 hält Schwarz diese Entwicklung zu Gunsten von Motiven mit Dh4!? oder f7-f5 zurück, die nun jedoch beide nicht mehr funktionieren. Darüber hinaus steht der Springer f6 nur scheinbar aktiv.

Auf 4...Lb7 kann Weiß übrigens am Einfachsten 5.f3 spielen und den Lb7 praktisch verhungern lassen, denn Granit kann man nicht essen. Trotzdem wäre Lb7 noch besser gewesen, denn jetzt kommt es ganz dick...

5.e5!

Der Knackpunkt. Natürlich geht auch 5.Ld3 Lb7, aber mit dem Textzug  macht sich der Anziehende ein hübsches Motiv zu Nutze, das auch in anderen Eröffnungen bisweilen zu sehen ist, wenn der Nachziehende zu früh zu Lb4 greift, etwa im Sizlianer (s. Nachspielbrett)

Schacheröffnungen online: Transvestiten-Indisch (2)5...Se4 6.Dg4! (Diagramm)

Noch so ein Kraftzug. Nun hängen g7 und e4, aber ist der Gegenangriff gegen c3/a1 nicht schlimmer?

6...Sxc3 7.a3!

Nö! Es stellt sich nämlich heraus, dass Schwarz die Mehrfigur überhaupt nicht halten kann und zu allem Übel trotzdem den Bauern g7 verliert.

7...Lf8

7....Sxa2+
8.axb4 Sxc1 9.Dxg7
7....De7 8.Dxg7 oder
7....La5 8.Dxg7 Tf8 9.Lh6 sind auch keine Verbesserungen

8.Lg5!

Die letzte Feinheit. Müsste Weiß 8.bxc3 spielen, dann wäre die Sache gar nicht so klar. Jetzt dagegen ist die Partie im höheren Sinne schon vorbei.

8...Le7

8...f6?
9.exf6 gxf6 10.Dh5+ Ke7 11.Lxf6+ nebst Dh4+

9.Lxe7 Dxe7 (Kxe7 10.Dg5+) 10.Dxg7 Tf8 11.bxc3 und Weiß hat einen gesunden Mehrbauern

 

Der slawische Trotzkopf

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Schacheröffnung - Slawisch am Bildschirm nachspielen Hier könnt Ihr die Varianten am Bildschirm nachspielen und/oder als PGN herunterladen

In der slawischen Verteidigung entsteht nach den Zügen

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3

eine Art Zugzwangstellung für den Nachziehenden. Im Grunde würde er ja gerne 4...e6 spielen, aber das sperrt den Lc8 ein. Viel naheliegender wäre statt dessen, zunächst den Lc8 zu entwickeln und erst dann ...e6 folgen zu lassen, oder nicht? Doch das funktioniert leider (oder zum Glück, je nach Sichtweise) nicht - ansonsten wäre Slawisch wohl DIE perfekte Waffe gegen 1.d4. In irgendeinen Apfel muss der Nachziehende beißen - entweder, er gibt mit ...dxc4 das Zentrum auf, oder er spielt ...e6 und erhält damit die Spannung, schließt aber dafür den Lc8 vorübergehend ein. Oder er entscheidet sich mit ...a6 dafür, ein Tempo für "Information" zu opfern - Weiß soll damit genötigt werden, seine Karten offen zu legen. Nach beispielsweise (4...a6) 5.e3 könnte dann b5 6.b3 Lg4 folgen und der Läufer wäre ins Freie gelangt, allerdings eben auf Kosten eines Tempos. Aber schauen wir uns einfach mal an was passiert, wenn der Nachziehende auf stur schaltet:

Schacheröffnungen online - die slawische Verteidigung (1)4...Lg4?! (Diagramm)

Am vergangenen Freitag vom weltbesten Spieler der Gartenstraße in einer Blitzpartie gegen mich entkorkt, ist dieser Zug bei richtigem weißem Spiel nur geringfügig besser als etwa 4...Lh3, denn verglichen mit der anderen möglichen Entwicklung, 4...Lf5, vergeudet Lg4 sogar noch ein glattes Tempo. Doch auch nach 4...Lf5 ist Schwarz keineswegs auf Rosen gebettet:

5.cxd5 cxd5 [5...Sxd5 6.Db3 Db6 7.Sxd5 Dxb3 8.Sc7+ Kd8 9.axb3 Kxc7 10.Lf4+ Kc8 11.Sd2 ist auch wenig erfreulich für den Nachziehenden] 6.Db3 und nun sollte Schwarz Lc8 mit einer für Weiß extrem günstigen Version der slawischen Abtauschvariante spielen, um das Schlimmste zu verhindern, dennnach 6...b6? 7.e4! geht es bereits direkt Richtung Hades (s. Nachspielbrett)

5.Se5!

Natürlich. Wer hier Züge wie etwa 5.e3 in Betracht zieht, muss nochmal in den Schacheröffnungs-Kindergarten

5...e6!?

Immerhin besser als die Alternativen:

a) 5...Lf5 6.cxd5! Sxd5 [6...cxd5 7.e4! ist noch schlimmer, s. Nachspielbrett] 7.e4! Sxc3 8.bxc3 Lg6 [8....Lxe4? 9.Db3 macht Schluss] und hier führt so ziemlich jeder weiße Zug zu großem Vorteil (Zentrum + baldiges Läuferpaar).

b) 5...Lh5 6.cxd5 cxd5 7.Db3 Sc6 (was sonst?) 8.Dxb7! (Rybka) Sxd4 9.Da6!! mit der Drohung Da4+ und 9...Sc2+ scheitert an 10.Kd2 Sxa1 11.Dc6+

6.cxd5!

Schacheröffnungen online - die slawische Verteidigung (2)6.Sxg4 Sxg4 7.e4 Sf6 8.e5 Sfd7 (8...Se4 9.Ld3 Sxc3 10.bxc3 wäre sehr gut für Weiß) 9.cxd5 (vielleicht sind Züge wie Dg4 oder Le3 besser, das kann schon sein) 9...cxd5 ist gar nicht so schlecht für Schwarz. Weiß kann d4 nicht so ohne weiteres decken und Schwarz hat in dieser französischen Struktur bereits den Lc8 entsorgt. Vermutlich hat Weiß noch ein bissle Vorteil dank Läuferpaar und Raumvorteil, aber viel ist das nicht mehr z.B. nach 10.Le3 Sc6 11.Le2 gibt 11...Sdxe5 (s. Diagramm) 12.dxe5 d4 Schwarz bereits sehr gutes Spiel


6...exd5

6...cxd5? wäre für Schwarz wünschenswert, um eine Struktur wie in der vorigen Variante zu erhalten, aber das scheitert an 7.Lg5! Lh5 (7...Lf5? 8.e4 verliert sofort) 8.Da4+ Sc6 (8...Sbd7 9.e4 a6 erzwungen, sonst folgt Lb5 10.Sxd7 Dxd7 11.Lb5 und gewinnt) ]

7.Sxg4!


Jetzt ist das gut, denn mit dem Bauern auf c6 kann Schwarz keinen Druck gegen d4 aufbauen

7...Sxg4 8.e4 Sf6 9.e5 Se4

Schacheröffnungen online - Slawisch (3)9...Sfd7 10.Ld3 c5 die einzige aktive Idee, die Schwarz noch bleibt 11.e6 (s. Diagramm) De7 (11...fxe6 12.Dh5+ Ke7 13.Lg5+ Sf6 14.0-0 findet vermutlich keine Anhänger) 12.0-0 fxe6 13.Sxd5 und Schwarz kann wohl bald heim zum Essen]

10.Ld3 Lb4 11.Lxe4 dxe4 12.0-0 Lxc3 13.bxc3 0-0 14.Dg4

mit überdeutlichem weißen Vorteil, da e4 fällt